Anatomie jenseits der Lehrbücher: Warum „Bonus-Muskeln“ oft das KTS-Rätsel lösen

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Das Rätsel der schmerzenden Hand

In der radiologischen Praxis begegnen den Behandelnden immer wieder Patienten mit chronischen Handschmerze, Missempfindungen oder Schwellungen, bei denen die Standarddiagnostik zunächst ins Leere läuft. Weder Frakturen noch klassische Entzündungen sind erkennbar, und doch schränkt der Schmerz bzw. Missempfindungen bis hin zu Sensibilitätsstörungen den Alltag massiv ein. Die Lösung liegt oft in einer anatomischen Individualität, die in Lehrbüchern häufig nur als Randnotiz auftaucht: den anatomischen Varianten der intrinsischen Handmuskulatur. Diese „Bonus-Muskeln“ sind keineswegs seltene Anomalien, sondern funktionelle Strukturen, die durch ihre bloße Präsenz den Raum für Nerven und Gefäße gefährlich verengen können. Konservative Diagnostik kann eine Kompression zwar erkennen, aber oft nicht unmittelbar erklären. Die eigentliche Ursache, insbesondere anatomische Varianten, bleibt dann ohne Bildgebung oft unsichtbar. Für Radiologen ist die Identifikation dieser Varianten der Schlüssel, um bspw. die Ursache rätselhafter Kompressionssyndrome zu entschlüsseln.

Der „Bonus-Muskel“ im kleinen Finger: Accessory Abductor Digiti Minimi

Der Accessory Abductor Digiti Minimi (aADM) ist die häufigste akzessorische Struktur des Hypothenars. Mit einer Prävalenz von bis zu 25 % trägt dargestellt statistisch gesehen jeder vierte Patient diesen „Bonus-Muskel“ in sich. Besonders klinisch relevant: In 50 % der Fälle tritt er beidseitig auf, was bei der diagnostischen Einordnung im Seitenvergleich berücksichtigt werden muss.

Aus radiologischer Sicht unterscheiden wir zwei entscheidende Typen, die ein unterschiedliches Risiko für ein Guyon-Kanal-Syndrom (Ulnaris-Kompression) bergen:

  • Typ I (Faszialer Typ): Dieser macht etwa 70 % der Fälle aus. Der Ursprung ist primär faszial an der Verbindung von Unterarmfaszie und Flexor-Retinaculum. Der Muskelbauch beginnt erst innerhalb des Guyon-Kanals. Der mittlere Abstand zum Nervus ulnaris beträgt hier ca. 0,91 mm.
  • Typ II (Muskulärer Typ): Diese Variante ist klinisch tückischer. Sie ist über ihren gesamten Verlauf rein muskulär und liegt mit einem Abstand von nur etwa 0,7 mm deutlich näher am Nerven. Entsprechend häufiger ist dieser Typ mit symptomatischen Kompressionen assoziiert.

„Intrinsische Handmuskelvarianten können zuverlässig mittels Ultraschall und hochauflösender MRT diagnostiziert werden.“ (Bouredoucen et al., 2026: 458)

Wenn Muskeln sich als Tumoren tarnen: Extensor Digitorum Brevis Manus

Ein Klassiker der klinischen Mimikry ist der Extensor Digitorum Brevis Manus (EDBM). Mit einer Prävalenz von 1,96 % präsentiert er sich oft als längliche, weiche Schwellung am Handrücken. Da er typischerweise im Bereich des vierten dorsalen Kompartiments aus der Handgelenkskapsel entspringt und zwischen den Sehnen des Zeige- und Mittelfingers (Metacarpale II und III) verläuft, führt er häufig zu einer fatalen Verwechslung: der „Tumorangst“.

Aufgrund seiner Lage wird der EDBM oft fälschlicherweise als Ganglion-Zyste, Exostose, Hämangiom oder gutartiger Weichteiltumor fehldiagnostiziert. Die präzise radiologische Identifikation verhindert hier nicht nur unnötige Biopsien oder Operationen, sondern bietet dem Patienten eine sofortige Entlastung durch die Diagnose eines funktionellen „Pseudotumors“, der lediglich eine harmlose Normvariante darstellt.

Die „überfüllte“ Loge: Engpass im Karpaltunnel

Das Karpaltunnelsyndrom (KTS) ist meist die Folge einer unspezifischen Einengung. Doch in etwa 1,3 % der Fälle sind es konkrete Muskelvarianten, die den Druck im Tunnel massiv erhöhen. Neben den bekannten Varianten der Lumbrical-Muskeln (LM) ist hier vor allem der akzessorische Flexor Digitorum Superficialis (FDS), insbesondere des Zeigefingers, als Verursacher zu nennen.

Das Hauptproblem ist die sogenannte „Incursion“: Beim Beugen der Finger dringen die varianten Muskelbäuche tief in den Karpaltunnel ein. Wir kategorisieren diese mechanischen Ursachen in drei Kategorien:

  • Hypertrophie: Ein ungewöhnlich stark ausgeprägter Muskelbauch der regulären Muskulatur.
  • Akzessorische Muskeln: Zusätzliche Strukturen (wie der FDS-Brevis), die das Volumen im Tunnel sprengen.
  • Proximaler Ursprung: Ein atypisch weit körpernah beginnender Muskelursprung (besonders bei L1 beobachtet), der den Muskelbauch direkt in die Engstelle führt.

Hightech-Blick unter die Haut: 20MHz Ultraschall und 3T MRT

Die Diagnose dieser winzigen Strukturen erfordert modernste Technik und ein tiefes Verständnis für Bildgebungsartefakte. Ultra-hochauflösender Ultraschall (>20 MHz) ist heute unverzichtbar, insbesondere um die feinen Lumbrical-Muskeln in ihrer gesamten Ausdehnung zu beurteilen. Der entscheidende Vorteil ist hier die Dynamik: Wir können unter Live-Bildgebung beobachten, wie ein Muskelbauch bei aktiver Fingerflexion gegen den Nerven gleitet.

In der 3-Tesla-MRT nutzen wir vorzugsweise die „Superman-Position“ (Arm über Kopf), um das Handgelenk im Isozentrum des Magneten zu platzieren und die beste Signalqualität zu erzielen. Dennoch bleibt die Hand eine diagnostische Herausforderung:

  • Geringes Fettgewebe: Die Differenzierung der Muskeln ist erschwert, da kaum Fett als natürliches Kontrastmittel zwischen den Strukturen liegt.
  • Partialvolumeneffekte: Durch den schrägen Verlauf der Muskeln zum axialen Bildplan können Konturen verschwimmen.
  • Sequenzwahl: Um neurogenes Ödem oder eine Myositis sicher nachzuweisen, werden STIR- oder Dixon-Techniken [1] eingesetzt, da diese eine homogenere Fettsättigung bieten als klassische Frequenz-Präsaturationsmethoden.

Ein neuer Blick auf die Anatomie

Die moderne Radiologie zeigt uns, dass „Normalität“ ein dehnbarer Begriff ist. Anatomische Varianten der Handmuskulatur sind keine medizinischen Kuriositäten, sondern essenzielle Puzzleteile in der Schmerzdiagnostik. Wer diese Varianten kennt, vom Typ-II-aADM im Guyon-Kanal bis hin zum EDBM als Pseudotumor, kann Patientinnen und Patienten vor Fehlbehandlungen bewahren und gezielte Therapien ermöglichen.

Verrät unsere individuelle Anatomie vielleicht mehr über unsere Beschwerden, als wir bisher dachten? Wenn die Standarddiagnose schweigt, lohnt es sich oft, die ganz persönlichen „Bonus-Muskeln“ der Hand unter die Lupe zu nehmen.

Literaturverzeichnis

Bouredoucen H., Boudabbous S., Poletti P., Taihi L. (2026): Imaging of the intrinsic muscles of the hand – part I: high-resolution ultrasound and 3T MRI appearance of symptomatic anatomical variants. RöFo 2026 (Thieme Verlag); 198(04): 457-478. doi 10.1055/a-2761-4259. URL: https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/a-2761-4259?device=mobile&innerWidth=412&offsetWidth=412&lang=de

[1] STIR (Short Tau Inversion Recovery) ist eine spezielle MRT-Sequenz, bei der das Fettsignal gezielt unterdrückt wird, sodass Flüssigkeit und entzündliche Veränderungen wie Ödeme besonders deutlich sichtbar werden. Die Dixon-Technik ist ein modernes MRT-Verfahren, das Fett- und Wassersignale rechnerisch voneinander trennt und dadurch eine besonders gleichmäßige und präzise Darstellung unterschiedlicher Gewebe ermöglicht.

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