Ein kräftiger Händedruck gilt oft als Zeichen von Vitalität und Selbstbewusstsein. Doch jenseits gesellschaftlicher Konventionen verbirgt sich in der Kraft unserer Hände eine Information, die weit tiefer geht: Sie könnte ein Fenster zu unserem Gehirn und unserer psychischen Verfassung sein. In der modernen Psychiatrie wächst das Interesse an körperlichen Markern, sogenannten Biomarkern, die objektiv messbar sind und dabei helfen, komplexe psychische Zustände besser zu verstehen. Wie ist es möglich, dass ein simpler Test mit einem Handdynamometer tiefere Einblicke in Erkrankungen wie Depression und Schizophrenie gibt? Eine wegweisende Untersuchung von von Känel et al. (2026) ist dieser Frage nachgegangen und liefert faszinierende Belege dafür, dass unsere Muskelkraft untrennbar mit unserer mentalen Verfassung verwoben ist.
Die überraschende Hierarchie der Kraft
Die Studie, die insgesamt 533 Teilnehmer an zwei Standorten untersuchte, zeigt deutlich, dass die psychische Verfassung unmittelbar mit der körperlichen Leistungsfähigkeit korreliert. Dabei kam es zu einem überraschenden Ergebnis in der Rangfolge der Kraftmessung. Ein entscheidender Punkt vorab: Die Forscher stellten fest, dass der Inpatient-Status (ob ein Patient stationär im Krankenhaus lag oder nicht) kein signifikanter Prädiktor für die Griffstärke war. Dies beweist, dass die physische Schwäche nicht einfach eine Folge mangelnder Bewegung im Klinikalltag ist, sondern ein intrinsisches Merkmal der jeweiligen Erkrankung darstellt.
Während die gesunden Kontrollpersonen die höchsten Werte erzielten, zeigten sich zwischen den Patientengruppen signifikante Unterschiede. Überraschenderweise schnitten Patienten mit Schizophrenie deutlich besser ab als jene mit einer Depression. Die Daten (Durchschnittswerte der dominanten Hand) verdeutlichen diese Hierarchie:
- Gesunde Kontrollpersonen (HC): 30,7 kg
- Schizophrenie-Gruppe: 29,4 kg
- Remittierte Depression (rMDD): 24,5 kg
- Aktuelle Depression (cMDD): 23,7 kg
Obwohl die Griffstärke bei Schizophrenie-Patienten niedriger war als bei Gesunden, lag sie dennoch signifikant über den Werten beider Depressionsgruppen. Dies unterstreicht, dass unterschiedliche psychiatrische Diagnosen spezifische Spuren in der Motorik hinterlassen.
Depression hinterlässt Spuren – auch nach der Genesung
Einer der wohl bedeutendsten Befunde der Studie betrifft die Gruppe der Menschen mit einer remittierten Depression (rMDD). Man könnte annehmen, dass sich mit dem Abklingen der depressiven Episode auch die körperliche Kraft normalisiert. Doch die Daten sprechen eine andere Sprache: Die Griffstärke der ehemals Depressiven blieb auf dem niedrigen Niveau der aktuell Erkrankten.
Dies deutet darauf hin, dass eine klinische Besserung der Stimmung nicht zwangsläufig eine vollständige Wiederherstellung der psychomotorischen Leistungsfähigkeit bedeutet. Forscher sehen darin einen Hinweis auf „residuale Symptome“, sprich tiefe Spuren der Erkrankung, die wie eine Art „Narbe“ im System zurückbleiben.
„Bei Depressionen können anhaltende Einschränkungen während der Remission verbleibende Symptome widerspiegeln, etwa psychomotorische oder exekutive Funktionsstörungen. Dies deutet darauf hin, dass eine Remission die psychomotorische Leistungsfähigkeit nicht vollständig normalisiert“ (von Känel et al, 2026; Übers. d. Autor.).
Diese unvollständige Normalisierung zeigt, dass die psychomotorische Verlangsamung und die damit verbundene Kraftminderung tiefer verwurzelt sein könnten, als die rein psychische Wahrnehmung der Genesung vermuten lässt.
Motivation ist eine motorische Angelegenheit
Bei der Schizophrenie offenbart die Griffstärke eine andere Facette der Erkrankung. Hier korrelierte eine geringere Kraft besonders stark mit den sogenannten Negativsymptomen, die mit der BNSS-Skala (Brief Negative Symptom Scale) gemessen wurden. Der Zusammenhang war besonders deutlich in den Bereichen Avolition (Antriebslosigkeit), Affekt (verflachter Gefühlsausdruck) und Alogie (Sprachverarmung).
Die biologische Komponente dahinter ist faszinierend: Es handelt sich hierbei primär um ein „Übersetzungsproblem“. Die Forscher vermuten, dass Störungen in den frontal-striatalen Schaltkreisen und eine dopaminerge Dysfunktion die Ursache sind. Diese Systeme fungieren als Brücke, um den „motivationalen Antrieb“ des Gehirns in tatsächlichen „motorischen Output“, also Muskelkraft, umzuwandeln. Es ist nicht so, dass die Muskeln der Patienten per se zu schwach wären; vielmehr scheint das neuronale Kommandozentrum nicht in der Lage zu sein, das Signal zum „festen Zupacken“ effektiv an die Peripherie zu senden, wenn der motivationale Antrieb gestört ist.
Die Geschlechterfalle: Warum Männer anders reagieren
Ein hochinteressanter Aspekt der Studie ist das geschlechtsspezifische Muster. Signifikante Korrelationen zwischen der Schwere der klinischen Symptome und der Griffstärke wurden primär bei Männern gefunden.
Die Daten zeigen bei Männern mit Schizophrenie einen Zusammenhang von \rho = -0.28 und bei Männern mit Depression sogar einen starken Wert von \rho = -0.48. Bei Frauen hingegen waren diese Korrelationen nicht signifikant. Dies führt in eine potenzielle „Geschlechterfalle“ für die Diagnostik: Da die motorische Leistung und die Symptomexpression bei Frauen weniger stark miteinander verknüpft sind, könnten Kliniker die Schwere einer Erkrankung unterschätzen, wenn sie sich zu sehr auf physische Marker verlassen. Für eine präzise Interpretation von Biomarkern in der Psychiatrie ist die Berücksichtigung des Geschlechts daher unerlässlich.
Ein kostengünstiger Blick in die Zukunft
Die Griffstärke erweist sich als wertvoller transdiagnostischer Biomarker, der über verschiedene Krankheitsbilder hinweg verlässliche Daten liefert. Die Vorteile liegen in der klinischen Praxis auf der Hand: Die Messung ist einfach, zuverlässig und extrem kosteneffizient. Sie bietet eine objektive Möglichkeit, motorische und motivationale Defizite zu erfassen, die in rein subjektiven Patientengesprächen oft schwer greifbar sind.
Die Erkenntnis, dass diese Defizite selbst in der Phase der Remission fortbestehen, macht die Griffstärke zu einem potenziellen Werkzeug für die Langzeitüberwachung von Therapieerfolgen. Es stellt sich die Frage, ob der Handdynamometer in Zukunft ebenso selbstverständlich zum Inventar einer psychiatrischen Praxis gehören sollte wie das Stethoskop beim Hausarzt.
Literaturverzeichnis
von Känel S, Pavlidou A, Nadesalingam N, et al. Transdiagnostic Patterns of Grip Strength in Schizophrenia, Current Depression, and Remitted Depression. JAMA Psychiatry. Published online March 18, 2026. doi:10.1001/jamapsychiatry.2026.0144 URL: https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2846480
Siehe auch Beitrag im Deutschen Ärzteblatt vom 16. April, 2026: https://www.aerzteblatt.de/news/rubriken/medizin/auch-nach-uberstandener-depression-bleibt-die-handkraft-vermindert-c27804e5-ab4c-4dd1-807b-bc9b1686a39a
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