Wenn Bewegung zur Herausforderung wird
Nach Operationen an der Hand, insbesondere im Falle von Sehnenverletzungen, ist die Wiederherstellung der Gleitfähigkeit der Sehnen entscheidend für eine erfolgreiche Rehabilitation. Doch genau hier liegt eine der größten Herausforderungen: Narben- und Adhäsionsbildungen (Verklebungen) zwischen Sehne und umgebendem Gewebe können die Bewegung sehr stark einschränken.
Während eine frühe Mobilisierung nach Naht der Sehne meist empfohlen wird, ist sie in vielen Fällen, etwa bei komplexen Traumata oder nach Sehnenrupturen, nicht immer möglich. Längeres Ruhigstellen erhöht das Risiko von Bewegungseinschränkungen und Funktionsverlusten.
Ein Therapieansatz, der zunehmend in den Fokus rückt, ist das sogenannte Flossing, bei dem durch elastische Kompressionsbänder gezielt Druck und Bewegung kombiniert werden, um Gewebegleitfähigkeit und Durchblutung zu verbessern.
Neue Evidenz: Flossing als ergänzende Therapieoption
In einem aktuellen Fallbericht (Sasaki et al., 2025) wurden zwei Patienten mit schweren Handverletzungen mithilfe von Flossing-Interventionen behandelt:
- Fall 1: Re-Ruptur der Flexor pollicis longus (FPL)-Sehne (Beugesehne des Daumens)
- Fall 2: Mehrfache Strecksehnenverletzungen (Extensoren) nach komplexem Trauma
Nach abgeschlossener Immobilisationsphase (8 Wochen postoperativ) und Standard-Rehabilitation wurde zusätzlich ein Flossing-Training eingeführt. Hierbei kam ein elastisches Gummiband (Kompressionsband) zum Einsatz, das gezielt um die betroffenen Segmente gewickelt wurde, um mechanischen Druck und Mobilisation zu kombinieren.
Therapieprotokoll: Kombination aus Flossing und aktiver Bewegung
Die Patienten führten täglich Flossingübungen, sowohl unter therapeutischer Aufsicht, als auch im häuslichen Setting, durch.
Das Training bestand aus:
- Kompression des betroffenen Segments durch das Band,
- aktive Bewegungsübungen der betroffenen Gelenke während der Kompression,
- kurzzeitige Applikation (in der Regel 1–2 Minuten pro Durchgang), gefolgt von Mobilisation ohne Band.
Diese Kombination aus Druck, Bewegung und aktiver Kontrolle sollte die Gleitfähigkeit der Sehne verbessern, Verklebungen lösen und die Weichgewebsflexibilität fördern.
Beeindruckende Ergebnisse in kurzer Zeit
Die funktionellen Fortschritte waren bemerkenswert:
- Im Fall der FPL-Re-Ruptur stieg der Prozentwert der Gesamtbewegung (TAM) von 20,8 % auf 83,3 % innerhalb von 16 Wochen.
- Bei dem Patienten mit mehreren Extensorenläsionen verbesserte sich der TAM von 42,9–50 % auf 96,4–98,4 % im gleichen Zeitraum.
Beide Patienten erreichten somit nach der Behandlung eine funktionelle Beweglichkeit, konnten in ihren Beruf zurückkehren und benötigten keine operative Narbenlösung (Tenolyse).
Sasaki et al. (2025) betonen jedoch, dass der Erfolg nicht allein auf das Flossing zurückzuführen war, sondern auf die Kombination aus Flossing und aktiver Bewegungstherapie (Active Range Of Motion; AROM).
Mechanismus: Warum Flossing wirkt
Die Wirkmechanismen des Flossings sind vielseitig: Durch die elastische Kompression entsteht ein kurzzeitiger Druck auf Weichgewebe und Faszien. Dieser kann Mikrobewegungen zwischen den Schichten fördern und Adhäsionen lösen. Gleichzeitig verbessert die reaktive Hyperämie (verstärkte Durchblutung nach Lösen der Kompression) die Gewebeversorgung und kann Heilungsprozesse stimulieren. Kombiniert mit aktiver Bewegung werden die Sehnengleitbahnen funktionell aktiviert, wodurch Beweglichkeit und Koordination verbessert werden.
Diese Prinzipien sind aus der Faszientherapie und manuellen Medizin, ihre Anwendung im Bereich der postoperativen Handtherapie ist jedoch neu und vielversprechend.
Fazit: Flossing – ein innovativer Baustein der modernen Handrehabilitation
Die vorgestellten Fallberichte illustrieren, dass Flossing in Kombination mit aktiven Bewegungsübungen eine effektive Ergänzung zur konventionellen Rehabilitation nach Sehnenoperationen sein kann.
Die Methode bietet eine nicht-invasive, kostengünstige und flexible Möglichkeit, Beweglichkeit, Durchblutung und Sehnengleiten zu verbessern, insbesondere bei Patientinnen und Patienten mit eingeschränkter Mobilität nach Immobilisationsphasen.
Gleichzeitig betonen die Autoren, dass weitere Studien notwendig sind, um Behandlungsparameter, Dosierung und Sicherheit zu standardisieren. Dennoch zeigt sich, dass Flossing weit mehr ist als ein Fitnesstrend. Es könnte sich als relevantes therapeutisches Werkzeug in der Handrehabilitation etablieren.
Klinischer Ausblick
Für Therapeutinnen und Therapeuten in der Ergo- und Physiotherapie bietet der Ansatz spannende Perspektiven:
- So kann er in bestehende Rehabilitationsprogramme nach Sehnenrekonstruktionen integriert werden.
- Er kann mit PNF- oder sensomotorischem Training kombiniert werden.
- Und er kann als ergänzende Technik zur Förderung von Gleitbewegungen und Reduktion von Narbenzug eingesetzt werden.
Richtig angewendet und individuell dosiert, kann Flossing helfen, Funktion wiederherzustellen, Schmerzen zu reduzieren und Operationsergebnisse langfristig zu sichern.
Sicherheit und Risiken: Warum Flossing fachlich angeleitet werden muss
So vielversprechend die bisherigen Ergebnisse zum Einsatz von Flossing in der Rehabilitation auch sind, weisen Fachautorinnen und -autoren ausdrücklich darauf hin, dass die Methode nicht frei von Risiken ist und einer fachgerechten Anwendung bedarf. Bislang existieren keine einheitlichen, evidenzbasierten Leitlinien zu Indikationen, Dosierung, Druckstärke oder Anwendungsdauer von Flossing-Bändern.
In einer aktuellen klinischen Übersichtsarbeit heben Cheatham und Baker hervor, dass Flossing zwar zunehmend im therapeutischen Kontext eingesetzt wird, gleichzeitig jedoch potenzielle Risiken bei unsachgemäßer Durchführung bestehen. Beschrieben werden unter anderem Hautirritationen, Hämatome, Schmerzen, Sensibilitätsstörungen sowie mögliche Beeinträchtigungen der lokalen Durchblutung, insbesondere bei zu hohem Kompressionsdruck oder zu langer Applikationsdauer (Cheatham & Baker, 2024: 477–479).
Darüber hinaus betonen die Autoren, dass aufgrund der fehlenden Standardisierung der Methode eine sorgfältige klinische Entscheidungsfindung erforderlich ist. Besonders bei Patientinnen und Patienten mit vaskulären Erkrankungen, neurologischen Beeinträchtigungen, Sensibilitätsstörungen, entzündlichen Hautveränderungen oder im frühen postoperativen Verlauf kann Flossing kontraindiziert sein oder ein erhöhtes Risiko für unerwünschte Reaktionen bergen (Cheatham & Baker, 2024: 480–482).
Vor diesem Hintergrund ist klar festzuhalten, dass Flossing nicht als Selbstbehandlung oder unspezifische Fitnesstechnik verstanden werden darf, insbesondere nicht im postoperativen Setting der Handrehabilitation. Die Anwendung sollte ausschließlich durch qualifiziertes Fachpersonal aus der Ergo- oder Physiotherapie erfolgen, das über fundierte Kenntnisse der Anatomie, der Wundheilungsphasen sowie der individuellen Belastbarkeit des Gewebes verfügt. Nur so lassen sich therapeutische Effekte sicher nutzen und potenzielle Risiken minimieren.
Bibliografie
Cheatham, S. W., Baker, R. (2024): Tissue Flossing: A Commentary on Clinical Practice Recommendations. International Journal of Sports Physical Therapy, 19(3), 477–489.
Sasaki S., Sukegawa K., Onuma K., Otake Y., Hirukawa K., Aoki K., Kawabata M., Kenmoku T., Takahira N. (2025): Efficacy of a new flossing intervention using a floss band for severe adhesion after digit tendon repair. Hand Ther. 2025 Oct 8:17589983251387725. doi:10.1177/17589983251387725. URL: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12507788/pdf/10.1177_17589983251387725.pdf
Mehr über moderne Handrehabilitation, Flossing-Techniken und Therapiebedarf findest Du auch auf der Seite unseres Kooperationspartners, dem AFH Webshop. Hier findet Ihr auch eine Auswahl an Flossbändern.
