Propriozeptives Training bei Rhizarthrose: Was die aktuelle Forschung zeigt

Titel Propriozeptives-Training bei Rhizarthrose

Bei einer Rhizarthrose richtet sich der Blick schnell auf Schmerz, Kraftverlust und Bewegungseinschränkungen. Das ist naheliegend, greift aber möglicherweise zu kurz. Denn das Daumensattelgelenk muss nicht nur belastbar sein. Es muss seine Stellung auch laufend erfassen und kontrollieren können.

Genau hier setzt die Propriozeption an. Sie beschreibt die Fähigkeit, Stellung und Bewegung eines Gelenks wahrzunehmen, ohne es ständig ansehen zu müssen. Für den Daumen ist diese Rückmeldung besonders wichtig, weil schon kleine Veränderungen der Gelenkposition darüber entscheiden können, ob ein Griff stabil und präzise ausgeführt wird.

Eine 2026 im Journal of Hand Therapy veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit rückt diesen bislang eher wenig beachteten Aspekt der Rhizarthrose stärker in den Vordergrund. Die Autoren rund um Eapen (2026) werteten fünf randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 260 Teilnehmenden aus und untersuchten, ob propriozeptives Training zusätzlich zur konventionellen Rehabilitation einen messbaren Nutzen bringt.

Wenn Kraft allein nicht alles erklärt

Im Alltag fällt häufig auf, dass ein Daumen nicht nur „zu schwach“ sein kann. Manche Patientinnen und Patienten haben beispielsweise ausreichend Kraft, um einen Gegenstand festzuhalten, können die Stellung des Daumens unter Belastung aber nur ungenau kontrollieren. Das kann sich beim Öffnen eines Schraubverschlusses ebenso bemerkbar machen wie beim Schlüsselgriff oder beim gezielten Kontakt zwischen Daumen und Fingerspitzen.

Diese Fähigkeit beruht auf einem kontinuierlichen Austausch zwischen peripheren Rezeptoren und dem zentralen Nervensystem. Informationen aus Gelenken, Muskeln, Sehnen und Haut tragen dazu bei, dass Bewegungen angepasst werden können.

Bei der Rhizarthrose scheint diese Rückmeldung beeinträchtigt sein zu können. Die neue oben genannte Übersichtsarbeit beschreibt propriozeptive Defizite als einen Faktor, der zu Gelenkinstabilität und funktionellen Einschränkungen beitragen kann. Treffender als von einem „Verlust“ der Propriozeption zu sprechen, ist daher die Annahme, dass die Genauigkeit der Gelenkwahrnehmung vermindert sein kann.

Was hat die neue Übersichtsarbeit untersucht?

Eapen und Kollegen (2026) suchten in sieben wissenschaftlichen Datenbanken nach randomisierten kontrollierten Studien zur Daumensattelgelenksarthrose. Eingeschlossen wurden Untersuchungen, in denen eine konventionelle Rehabilitation, beispielsweise bestehend aus Kräftigung, Orthesenversorgung oder Aktivitätsanpassung, mit einem Programm verglichen wurde, das zusätzlich propriozeptive Übungen enthielt.

Fünf Studien erfüllten die Kriterien. Zusammen umfassten sie 260 Personen. Die methodische Qualität lag auf der PEDro-Skala[1] zwischen 6 und 8 von 10 Punkten. Untersucht wurden Schmerz, Handfunktion, Gelenkstellungssinn sowie Griff- und Pinchkraft.

Die Ergebnisse fielen insgesamt zugunsten des zusätzlichen propriozeptiven Trainings aus.

Am deutlichsten war der Unterschied beim Gelenkstellungssinn. In allen fünf Studien nahm der Fehler beim Reproduzieren einer Gelenkposition ab. Der zusammengefasste Effekt war mit einer standardisierten Mittelwertdifferenz von −1,2 vergleichsweise groß.

Auch bei der Handfunktion zeigten sich Vorteile. In den Studien, die QuickDASH[2] beziehungsweise COPM[3] verwendeten, lag der zusammengefasste Effekt bei SMD −0,7. Für Griff- und Pinchkraft wurde in vier Studien ein Effekt von SMD 0,8 berichtet.

Beim Schmerz war das Bild weniger einheitlich. Drei der fünf Studien zeigten Vorteile zugunsten des propriozeptiven Trainings; in zwei davon wurde auch die jeweilige Schwelle für eine klinisch relevante Veränderung überschritten. Der zusammengefasste Effekt lag bei SMD −0,6.

Besonders interessant: die frühen Stadien

Auffällig war, dass die größten Vorteile bei Patientinnen und Patienten mit einer Rhizarthrose in den Eaton-Littler-Stadien I und II beobachtet wurden.

Das ist therapeutisch interessant, sollte aber nicht überinterpretiert werden. Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass propriozeptives Training eine fortschreitende Arthrose verhindern oder eine spätere Schmerzchronifizierung sicher vermeiden kann.

Sie legen vielmehr nahe, dass die sensorisch-motorische Kontrolle in frühen Krankheitsstadien ein besonders interessantes Therapieziel sein könnte.

Gerade wenn noch vergleichsweise wenig strukturelle Veränderung vorliegt, kann es sinnvoll sein, neben Kraft, Gelenkschutz und Beweglichkeit auch die präzise Führung des Daumens frühzeitig in das Behandlungskonzept einzubeziehen.

Was bedeutet propriozeptives Training überhaupt?

Propriozeptives Training wird gelegentlich recht unscharf verwendet. Gemeint ist nicht einfach irgendeine Übung, bei der der Daumen bewegt wird.

Im Mittelpunkt steht die Fähigkeit, Gelenkstellung und Bewegung möglichst genau wahrzunehmen und zu kontrollieren.

Eine klassische Aufgabe ist beispielsweise die Reproduktion einer Gelenkstellung. Der Daumen wird zunächst in eine bestimmte Position gebracht. Anschließend soll die Patientin oder der Patient diese Position erneut einnehmen, gegebenenfalls ohne visuelle Kontrolle.

Andere Übungen arbeiten mit kleinen, kontrollierten äußeren Störungen. Der Daumen soll dabei eine vorgegebene Position halten, während von außen wechselnde leichte Widerstände einwirken. Auch zielgerichtete Bewegungen und kontrollierte Belastungswechsel können Teil eines solchen Trainings sein.

Der entscheidende Unterschied zum reinen Krafttraining liegt darin, dass nicht möglichst viel Kraft erzeugt werden soll. Gefordert ist vielmehr, eine Bewegung oder Gelenkposition möglichst genau zu steuern.

Praxisbeispiel: Eine Daumenposition ohne Hinsehen wiederfinden

Eine einfache Übung macht das Prinzip gut verständlich. Sie orientiert sich an den in klinischen Untersuchungen eingesetzten Aufgaben zur Reproduktion aktiver Gelenkpositionen.

Die Patientin oder der Patient legt die Hand entspannt auf beziehungsweise hält sie in einer angenehmen Ausgangsposition. Der Daumen wird anschließend langsam in eine zuvor festgelegte Position geführt. Das kann beispielsweise eine bestimmte Abduktionsstellung sein.

Diese Position wird zunächst mit geöffneten Augen einige Sekunden bewusst wahrgenommen:

Wo befindet sich der Daumen? Wie weit ist er von der Handfläche entfernt? Wie fühlt sich diese Stellung an?

Danach kehrt der Daumen in die Ausgangsposition zurück.

Nun werden die Augen geschlossen. Die Aufgabe besteht darin, den Daumen möglichst genau wieder in die zuvor wahrgenommene Position zu bewegen. Erst wenn die Position erreicht ist, werden die Augen geöffnet und das Ergebnis kontrolliert.

Eine Variante aus einem untersuchten Trainingsprogramm arbeitet mit mehreren markierten Zielpositionen: Die Patientinnen und Patienten bewegten ihren Daumen zunächst mit visueller Kontrolle zu unterschiedlichen Punkten und wiederholten die Aufgabe anschließend ohne Sichtkontrolle.

Der Trainingsreiz besteht also nicht darin, möglichst weit oder kräftig zu bewegen. Entscheidend ist die Frage:

Wie genau kann ich eine zuvor wahrgenommene Position wiederfinden?

Abweichungen sind dabei kein „Fehler“ im klassischen Sinne. Sie liefern vielmehr das Feedback, das für die nächste Wiederholung genutzt werden kann.

Zu Beginn sollte eine solche Übung therapeutisch angeleitet und an die individuelle Gelenksituation angepasst werden. Insbesondere schmerzhafte Endstellungen oder Positionen, die eine ungünstige Gelenkführung provozieren, sind nicht das Ziel.

Kraft und Propriozeption müssen kein Gegensatz sein

Dass sich in der Übersichtsarbeit auch Griff- und Pinchkraft verbesserten, ist auf den ersten Blick überraschend. Schließlich war propriozeptives Training nicht in erster Linie als Krafttraining angelegt.

Eine mögliche Erklärung liegt in der neuromuskulären Kontrolle. Kraft kann funktionell nur genutzt werden, wenn die beteiligten Muskeln zum richtigen Zeitpunkt und in geeigneter Dosierung aktiviert werden. Eine präzisere Gelenkführung könnte deshalb dazu beitragen, vorhandene Kraft effektiver einzusetzen.

Mehr lässt sich aus den vorliegenden Studien allerdings nicht sicher ableiten. Die Übersichtsarbeit zeigt bessere Kraftwerte nach zusätzlichem propriozeptivem Training, erklärt aber nicht abschließend, welche Mechanismen dafür wirklich verantwortlich sind.

Auch deshalb wäre es zu einfach, einzelne Muskeln als „Bodyguards des Daumens“ herauszugreifen und ihnen die Wirkung des Trainings zuzuschreiben. Die Stabilität des CMC-I entsteht aus dem Zusammenspiel von Gelenkgeometrie, Kapsel-Band-Strukturen, Muskulatur und sensorischer Rückmeldung.

Muss das Training therapeutisch begleitet werden?

Die eingeschlossenen Studien unterscheiden sich in ihren Trainingsprotokollen, sodass sich derzeit kein verbindliches Standardprogramm ableiten lässt. Auch die Übersichtsarbeit weist darauf hin, dass zukünftige Studien einheitlichere Protokolle und längere Nachbeobachtungszeiten benötigen.

Aus praktischer Sicht kann es sinnvoll sein, propriozeptive Übungen zunächst unter therapeutischer Anleitung einzuführen. Bei einer Übung zur Gelenkstellung geht es nicht darum, möglichst viele Wiederholungen zu absolvieren. Entscheidend ist die Qualität. Eine unbemerkte Ausweichbewegung, zu hohe Belastung oder eine ungünstige Gelenkposition kann den eigentlichen Trainingsreiz verändern.

Therapeutisches Feedback kann deshalb helfen, zunächst eine möglichst saubere Bewegungsausführung aufzubauen. Später lassen sich viele Aufgaben durchaus in ein Heimprogramm übertragen.

Wie häufig und wie lange trainiert werden sollte, lässt sich aus der derzeitigen Datenlage allerdings noch nicht allgemeingültig beantworten.

Die neue Übersichtsarbeit ist nicht das letzte Wort

So positiv die Ergebnisse von 2026 ausfallen, lohnt sich der Blick auf eine größere systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 von Koumantakis und Team.

Diese Meta-Analyse untersuchte neun RCTs zu propriozeptiven Übungen mit insgesamt 750 Teilnehmenden. Vorteile gegenüber einer Standardbehandlung zeigten sich bei Schmerzen vor allem bei funktionellen Einschränkungen sehr kurzfristig. Bei mittleren und längeren Nachbeobachtungszeiträumen waren dagegen keine signifikanten Unterschiede mehr nachweisbar.

Das relativiert die aktuellen Ergebnisse.

Die neue Übersichtsarbeit von Eapen und Kollegen (2026) ist spezifischer angelegt und berücksichtigt fünf RCTs, die ihre engeren Kriterien erfüllen. Ihre Ergebnisse sprechen dafür, propriozeptives Training als ergänzenden Bestandteil der konservativen Therapie näher zu berücksichtigen. Gleichzeitig betonen die Autoren selbst, dass größere Studien notwendig sind und insbesondere geklärt werden muss, ob die Effekte über drei Monate hinaus bestehen bleiben.

Für die Handtherapie ist das eine wichtige Unterscheidung: Es gibt inzwischen gute Gründe, Propriozeption ernst zu nehmen. Einen Beleg dafür, dass ein bestimmtes Übungsprogramm langfristig allen anderen Konzepten überlegen ist, gibt es dagegen noch nicht.

Was lässt sich daraus für die Behandlung ableiten?

Die neue Evidenz spricht weniger für eine völlig neue Therapie als für eine Erweiterung des bisherigen Blicks auf die Rhizarthrose.

Orthesen, Gelenkschutz, Belastungsanpassung, Krafttraining und funktionelle Übungen behalten ihren Stellenwert. Propriozeptives Training kann diese Maßnahmen ergänzen.

Besonders bei frühen Stadien kann es sinnvoll sein, im Befund nicht nur Schmerz, Beweglichkeit und Kraft zu betrachten. Auch die Frage, wie präzise eine Patientin oder ein Patient den Daumen positionieren und unter Belastung kontrollieren kann, verdient Aufmerksamkeit.

Damit verschiebt sich der therapeutische Fokus ein Stück weit: Nicht nur „Wie kräftig ist der Daumen?“, sondern auch „Wie gut kann er geführt werden?“

[1] Bewertungsinstrument zur Einschätzung der methodischen Qualität randomisierter klinischer Studien in der Physiotherapie. Die Skala umfasst 11 Kriterien, von denen 10 in den Gesamtscore einfließen. Der resultierende PEDro-Score reicht von 0 bis 10 Punkten.

[2] Kurzversion des Disabilities of the Arm, Shoulder and Hand (DASH)-Fragebogens mit 11 Fragen. Er erfasst subjektiv wahrgenommene Einschränkungen und Beschwerden der oberen Extremität; höhere Werte stehen für stärkere Beeinträchtigungen.

[3] Das Canadian Occupational Performance Measure ist ein klientenzentriertes Assessment zur Erfassung individuell bedeutsamer Betätigungsprobleme. Die Betroffenen bewerten ihre wahrgenommene Ausführungsqualität (Performance) und Zufriedenheit auf einer Skala von 1 bis 10.

Literaturverzeichnis:

Eapen C, Aggarwal V, Thomas DT, Fondekar AP, Godia R. Effectiveness of proprioceptive training in patients with thumb carpometacarpal osteoarthritis: A systematic review. Journal of Hand Therapy. 2026;39(2):459–468. DOI: 10.1016/j.jht.2026.02.015.

Koumantakis GA et al. Exercise-Based Interventions Are Effective in the Management of Patients with Thumb Carpometacarpal Osteoarthritis: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomised Controlled Trials. Healthcare. 2024;12(8):823. DOI: 10.3390/healthcare12080823.

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