„Drücken Sie so fest Sie können – und lesen Sie dabei laut weiter.“ Für eine Untersuchung der Handkraft ist das eine ungewöhnliche Anweisung. Normalerweise soll während der Messung möglichst wenig ablenken. In einer neuen Studie (Shaw et al, 2026) war die Ablenkung jedoch Teil des Versuchs.
Während jüngere und ältere Teilnehmende ein Messgerät zusammendrückten, erfassten die Forschenden nicht nur die Kraft der gesamten Hand. Sie wollten auch wissen, was zwischen den Fingern geschieht: Wie viel Kraft kann jeder Finger für sich entwickeln, und wie viel davon kommt noch an, wenn alle gemeinsam zugreifen? Bei den älteren Versuchspersonen ging dabei ein größerer Anteil verloren. Mussten sie gleichzeitig laut lesen, sank ihre Greifleistung zusätzlich.
Das ist bemerkenswert, weil schwächere Hände im Alter meist zuerst als Muskelproblem betrachtet werden. Die am 8. September 2026 veröffentlichte Untersuchung zeichnet ein differenzierteres Bild. Offenbar kann nicht nur Kraft verloren gehen, sondern auch die Fähigkeit, vorhandene Kraft wirkungsvoll zusammenzuführen.
Noch ist das kein neuer Lehrsatz für die Therapie. Dafür war die Untersuchung mit 22 Teilnehmenden viel zu klein. Sie liefert aber einen interessanten Anlass, den Faustschluss genauer anzusehen. Denn was von außen wie eine einfache Bewegung wirkt, ist im Inneren eine anspruchsvolle Gemeinschaftsarbeit von Fingern, Muskeln, Sensibilität und Nervensystem.
Der bekannte Messwert – und die neue Frage
Dass die Greifkraft Hinweise auf den allgemeinen Gesundheitszustand geben kann, ist inzwischen gut belegt. In unserem Beitrag „Mehr als nur ein Händedruck“ haben wir bereits erläutert, weshalb niedrige Messwerte mit Gebrechlichkeit, Erkrankungsrisiken und einer erhöhten Sterblichkeit verbunden sein können. Die neue Untersuchung setzt an einer anderen Stelle an. Sie fragt nicht, was eine geringe Greifkraft vorhersagen kann, sondern wie sie entsteht.
Bei der üblichen Messung umfasst die Hand den Griff eines Dynamometers und drückt möglichst kräftig zu. Am Ende steht ein Gesamtwert in Kilogramm oder Newton. Dieser Wert lässt sich im Seitenvergleich, im Therapieverlauf oder anhand geeigneter Referenzwerte beurteilen. Er zeigt aber nicht, welchen Anteil die einzelnen Finger beitragen und wie gut sie ihre Kräfte beim gemeinsamen Zugreifen bündeln.
Eine niedrige Greifkraft gilt unter anderem als wichtiges Kennzeichen einer Sarkopenie[1]. Aber selbst dann erklärt der Muskelabbau den Messwert möglicherweise nicht vollständig. Schmerzen, Gelenkveränderungen, sensible Einschränkungen, Müdigkeit und neuronale Faktoren können die Leistung ebenfalls beeinflussen. Der Zahlenwert beschreibt das Ergebnis des Zugreifens, nicht dessen Ursache.
Vier kräftige Finger ergeben nicht automatisch einen kräftigen Griff
Beim festen Zugreifen arbeiten die Finger nicht wie vier voneinander unabhängige Kraftquellen. Ihre Beugemuskeln, Sehnen und neuronalen Ansteuerungen sind funktionell miteinander verbunden. Die Kraft eines Fingers verändert sich deshalb, sobald er gemeinsam mit den Nachbarfingern eingesetzt wird.
In der Regel ist die gemeinsam erzeugte Kraft geringer als die Summe jener Kräfte, die jeder Finger einzeln aufbringen kann. In der Forschung wird dieser Unterschied als Mehrfinger-Kraftdefizit[2] bezeichnet. Er gibt vereinfacht gesagt an, wie viel der einzeln verfügbaren Fingerkraft beim gemeinsamen Greifen nicht in die Gesamtleistung übertragen wird.
Ein kleines Beispiel verdeutlicht das Prinzip: Könnten vier Finger einzeln zusammengenommen theoretisch 40 Kilogramm Kraft erzeugen, beim gemeinsamen Griff aber nur 32 Kilogramm, blieben acht Kilogramm beziehungsweise 20 Prozent der Einzelkraft ungenutzt. Das ist nicht automatisch krankhaft. Ein solches Defizit findet sich auch bei jüngeren gesunden Menschen. Interessant ist vielmehr, ob es mit zunehmendem Alter größer wird.
Die Autoren der neuen Studie verstehen dieses Maß als möglichen Hinweis darauf, wie gut das zentrale Nervensystem die Aktivierung mehrerer Finger organisiert. Damit richtet sich der Blick weg von der reinen Muskelmasse und hin zur Qualität der gemeinsamen Ansteuerung.
Was die neue Studie untersucht hat
Das Forschungsteam verglich zwölf jüngere Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von 23,7 Jahren und zehn deutlich ältere Erwachsene, die im Mittel 80,3 Jahre alt waren. Die Versuchsanordnung orientierte sich an der üblichen Greifkraftmessung. Zusätzlich konnten die Kräfte der einzelnen Finger erfasst werden.
Die ältere Gruppe erreichte insgesamt eine um 48,8 Prozent geringere Greifkraft als die jüngere. Erwartbar war, dass ein Teil dieses Unterschieds auf altersbedingte Veränderungen der Muskulatur zurückzuführen ist. Auffällig war jedoch auch das Zusammenspiel der Finger: Das Mehrfinger-Kraftdefizit betrug bei den älteren Personen durchschnittlich 25,8 Prozent, bei den jüngeren 16,5 Prozent.
Innerhalb der älteren Gruppe zeigte sich ein weiterer Unterschied. Bei den als sarkopenisch eingestuften Teilnehmenden lag das Defizit bei 33,4 Prozent, bei den nicht sarkopenischen älteren Personen bei 18 Prozent. Die Werte beider Hände wurden hierfür zusammengefasst.
Die Ergebnisse sprechen dafür, dass die altersbedingte Abnahme der Greifkraft nicht vollständig mit schwächer werdenden Muskeln erklärt werden kann. Ein Teil könnte damit zusammenhängen, dass das Nervensystem die Kräfte mehrerer Finger weniger effizient zusammenführt. Ob das Mehrfinger-Kraftdefizit künftig tatsächlich als klinisch brauchbares Messmerkmal dienen kann, ist damit noch nicht entschieden.
Was geschieht, wenn eine zweite Aufgabe hinzukommt?
Die Forschenden ergänzten ihre Kraftmessung um eine weitere Bedingung. Die Teilnehmenden sollten während des Greifens fortlaufend laut lesen. Damit entstand eine Doppelaufgabe: Die Hand sollte möglichst viel Kraft erzeugen, während gleichzeitig Sprache, Aufmerksamkeit und visuelle Verarbeitung beansprucht wurden.
Unter dieser Bedingung fiel die Greifleistung der älteren Gruppe geringer aus. Sie erreichte durchschnittlich 17,7 Kilogramm, während die jüngere Gruppe 29,8 Kilogramm erzielte. Aus den veröffentlichten Ergebnissen lässt sich allerdings nicht ableiten, dass jede zusätzliche geistige Aufgabe bei älteren Menschen zwangsläufig zu einem gefährlichen Kraftverlust führt. Auch bildet lautes Lesen die Anforderungen eines konkreten Alltagsvorgangs nur eingeschränkt ab.
Der Versuch erinnert dennoch an etwas, das bei standardisierten Kraftmessungen leicht verloren geht: Im Alltag greift niemand im luftleeren Raum. Wir halten eine Tasse und führen ein Gespräch. Wir tragen eine Tasche und achten auf den Straßenverkehr. Wir öffnen eine Verpackung und überlegen bereits, was als Nächstes zu tun ist. Aufmerksamkeit wird fast immer auf mehrere Anforderungen verteilt.
Eine Person kann deshalb in einer ruhigen Untersuchungssituation eine akzeptable Maximalkraft erreichen und sich beim Hantieren unter Zeitdruck oder Ablenkung trotzdem unsicher fühlen. Das ist zunächst eine plausible klinische Überlegung und keine durch diese kleine Studie bewiesene Schlussfolgerung. Sie kann aber helfen, Unterschiede zwischen Messwert und Alltagserfahrung genauer zu hinterfragen.
Was bedeutet das für die handtherapeutische Befundaufnahme?
Eine Dynamometermessung bleibt wertvoll. Sie ist einfach durchzuführen, gut dokumentierbar und eignet sich zur Verlaufskontrolle. Die neue Untersuchung spricht nicht gegen die Messung der maximalen Greifkraft. Sie zeigt vielmehr, welche Fragen nach dem Ablesen des Wertes noch offenbleiben.
Wenn eine ältere Person über nachlassende Handsicherheit berichtet, kann neben der Maximalkraft auch beobachtet werden, wie sie Kraft dosiert und an wechselnde Anforderungen anpasst. Kann ein Gegenstand gerade so festgehalten werden, dass er nicht rutscht? Lässt sich die Kraft über mehrere Sekunden aufrechterhalten? Wie verändert sich der Griff, wenn sich Gewicht, Oberfläche oder Form ändern? Werden einzelne Finger auffällig wenig eingesetzt? Muss die Tätigkeit ständig visuell kontrolliert werden?
Auch die Bedingungen der Kraftmessung verdienen Aufmerksamkeit. Sitzposition, Stellung von Schulter, Ellenbogen und Handgelenk, Griffweite des Dynamometers, getestete Hand, Zahl der Versuche und Pausendauer beeinflussen die Vergleichbarkeit. Die Forschungsübersicht von Bernal-Sánchez und Kollegen zeigt, wie uneinheitlich solche Protokolle selbst in wissenschaftlichen Studien verwendet werden. Für eine Verlaufskontrolle ist deshalb nicht nur der Messwert wichtig, sondern auch ein möglichst gleichbleibendes Vorgehen.
Eine einzelne Zahl sollte zudem nie losgelöst vom übrigen Befund interpretiert werden. Sensibilität, Beweglichkeit, Schmerz, Koordination, Ausdauer und die vom Patienten geschilderten Schwierigkeiten liefern gemeinsam ein wesentlich vollständigeres Bild.
Krafttraining bleibt wichtig – aber möglicherweise nicht allein
Aus der neuen Studie lässt sich nicht ableiten, welche Therapieform ein erhöhtes Mehrfinger-Kraftdefizit verbessert. Die Autoren haben keinen Trainingsansatz geprüft. Es wäre deshalb verfrüht, aus ihren Ergebnissen ein festes Übungsprogramm abzuleiten.
Für die Praxis entsteht vielmehr eine Arbeitshypothese: Wenn beim Greifen nicht nur die verfügbare Muskelkraft, sondern auch ihre Verteilung und Steuerung eine Rolle spielt, könnten Aufgaben sinnvoll sein, die beides ansprechen. Neben dem kräftigen Zusammendrücken eines Trainingsmittels wären dann beispielsweise Tätigkeiten denkbar, bei denen ein Gegenstand kontrolliert gehalten, seine Position verändert oder die Kraft fein abgestuft werden muss.
Das kann mit vertrauten Materialien geschehen: unterschiedlich gefüllte Becher sicher umsetzen, Gegenstände mit wechselnden Oberflächen greifen, Klammern mit verschiedenen Widerständen bedienen oder einen empfindlichen Gegenstand gerade so fest halten, dass er nicht herunterfällt. Auch Tätigkeiten mit wechselnden Griffweiten und Aufgaben, bei denen einzelne Finger gezielter beteiligt werden, können die Beobachtung differenzieren.
Doppelaufgaben sollten dabei nicht pauschal als Steigerung eingesetzt werden. Bei Menschen mit Sturzrisiko, deutlicher kognitiver Einschränkung oder unsicherer Handhabung kann zusätzliche Ablenkung die Aufgabe unnötig erschweren. Wenn sie therapeutisch genutzt wird, braucht es ein klares Ziel und eine sichere Ausgangssituation. Entscheidend ist nicht, eine Übung möglichst kompliziert zu machen, sondern herauszufinden, unter welchen Bedingungen eine Handlung zuverlässig gelingt.
Eine spannende Studie mit einer deutlichen Grenze
Die Aktualität der Untersuchung macht sie interessant, ihre geringe Größe verlangt jedoch Zurückhaltung. Insgesamt nahmen nur 22 Personen teil. Zwischen der jüngeren und der älteren Gruppe lagen zudem viele Lebensjahrzehnte, ohne dass mittlere Altersbereiche abgebildet wurden. Damit lässt sich noch nicht sagen, wann das Mehrfinger-Kraftdefizit zunimmt, wie stark Erkrankungen oder Aktivitätsniveau hineinspielen und ob es zukünftige Funktionseinbußen vorhersagen kann.
Ebenso offen ist, wie zuverlässig sich die Messung im klinischen Alltag wiederholen lässt und ob daraus ein zusätzlicher Nutzen gegenüber etablierten Greifkrafttests entsteht. Die Studie liefert deshalb vor allem einen mechanistischen Hinweis: Altersbedingte Handschwäche könnte zum Teil auch eine Frage neuronaler Koordination sein. Für ein diagnostisches Verfahren oder eine konkrete Behandlungsempfehlung reicht die Datenlage noch nicht aus.
Gerade darin liegt jedoch der Wert der Arbeit. Sie löst die Greifkraft aus einer rein muskulären Betrachtung und macht sichtbar, wie viel Organisation in einem scheinbar einfachen Faustschluss steckt.
Fazit
Wenn die Hand im Alter schwächer wird, bleibt Krafttraining ein wichtiger Bestandteil der Therapie. Die neue Studie erinnert jedoch daran, dass ein kräftiger Griff mehr verlangt als leistungsfähige Muskeln. Mehrere Finger müssen ihre Kräfte gleichzeitig bereitstellen, dosieren und an die jeweilige Aufgabe anpassen. Diese Zusammenarbeit wird durch das Nervensystem organisiert und könnte sich im Alter verändern.
Für die Handtherapie bedeutet das zunächst keine neue Standardmethode. Es ist vielmehr eine Einladung, genauer hinzusehen: nicht nur auf den höchsten Wert des Dynamometers, sondern auch darauf, wie sicher, ausdauernd und angepasst eine Person ihre Kraft im Alltag einsetzen kann.
Manchmal fehlt einer Hand möglicherweise nicht nur Kraft. Vielleicht gelingt es ihr auch nicht mehr so gut, die vorhandene Kraft gemeinsam auf die Straße zu bringen.
[1] Fortschreitender, generalisierter Verlust von Muskelkraft und körperlicher Leistungsfähigkeit, der vor allem im höheren Lebensalter auftritt. Nach dem europäischen EWGSOP2-Konsens gilt eine verminderte Muskelkraft als zentrales frühes Kennzeichen.
[2] Unterschied zwischen der Summe der maximalen Kräfte, die mehrere Finger jeweils einzeln erzeugen können, und der geringeren Gesamtkraft, die beim gleichzeitigen Einsatz dieser Finger erreicht wird.
Literatur
Bernal-Sánchez JJ., Uzuriaga-Fori DE., Rivera-Viveros SE., Viafara-Carabali ZM., Wilches-Luna EC., Perafan-Gonzalez DY. (2026). Handgrip strength across clinical conditions and health-related outcomes in older adults: a scoping review. Frontiers in Aging. 2026;7:1804033. doi: 10.3389/fragi.2026.1804033.
Cruz-Jentoft AJ., Bahat G., Bauer J., et al. (2019). Sarcopenia: revised European consensus on definition and diagnosis. Age and Ageing. 2019;48(1):16–31. doi: 10.1093/ageing/afy169.
Shaw GM., Clark LA., Grooms DR., Carson RG., Clark BC. (2026). Neural contributions to age-related handgrip weakness revealed by multi-finger force deficit and dual-task testing. Geroscience. Online veröffentlicht am 8. September 2026. doi: 10.1007/s11357-026-02517-z.
Dieser Artikel dient der fachlichen Weiterbildung von Handtherapeuten und Therapeuten im Bereich der Handrehabilitation. Er ersetzt keine individuelle klinische Einschätzung oder ärztliche Empfehlung. Alle Quellenangaben wurden nach bestem Wissen recherchiert (Stand: September 2026).

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